In unserer hektischen Zeit suchen viele Menschen nach einem schnellen Weg zur inneren Ruhe. Ein Trend, der dabei immer wieder auftaucht, ist der sogenannte GABA-Tee, auch Gabaron oder Gabalong genannt. Kürzlich landete dazu erneut ein Newsletter eines Tee-Shops in meinem Postfach. Die Botschaft klingt verführerisch. Aber kann die Lösung wirklich so einfach sein?
In diesem Artikel erfahren Sie:
- Was ist das große Entspannungs-Versprechen von GABA-Tee und anderen GABA-Lebensmitteln?
- Ein kritischer Blick: Funktioniert die angebliche Wirkweise?
- Zweiter Knackpunkt: Passt die Dosierung – und passiert beim Erhitzen?
- Tipp für Genießer bezüglich GABA-Tee – und welche Entspannungswirkung Tee tatsächlich leisten kann
Das große Versprechen: GABA-Tee beruhigt die Nerven und fördert den Schlaf
Zunächst zur Einordung: GABA steht für Gamma-Aminobuttersäure. Dabei handelt es sich um einen körpereigenen Neurotransmitter, der die Aktivität von Nervenzellen dämpft und damit Entspannung und Ruhe fördert – gewissermaßen das natürliche Beruhigungssystem des Gehirns unterstützt.
Genau diese Funktion wird häufig auf Lebensmittel übertragen, die GABA enthalten. Der Eindruck entsteht, als könne GABA aus der Nahrung direkt die entspannende Wirkung im Gehirn verstärken. Neben GABA-Tee sind daher auch GABA-Reis oder Nahrungsergänzungsmittel mit fermentierten Reiskeimen stark im Trend und versprechen ähnliche Wohlfühleffekte.
Teeläden bewerben GABA-Tee gern als „Funktionstee“. Durch eine spezielle Verarbeitung – die Zugabe von Stickstoff während der Herstellung – soll ein besonders hoher GABA-Gehalt entstehen, der eine außergewöhnliche Wirkung entfaltet.
Die Werbebotschaft ist einfach und attraktiv: eine Tasse GABA-Tee trinken – und Stress, Ängste und Schlafprobleme lösen sich quasi von selbst auf. Doch hält dieses Versprechen einer wissenschaftlichen Prüfung stand?
Ein kritischer Blick auf GABA-Lebensmittel: Schranken im Kopf – und im Labor
Warum GABA aus der Nahrung nicht einfach im Gehirn ankommt
Nimmt man GABA über Lebensmittel auf, steht der Stoff vor einer entscheidenden Hürde: der Blut-Hirn-Schranke. Studien deuten darauf hin, dass GABA beim Menschen nur in sehr geringen Mengen aus dem Blut ins Gehirn gelangt. Mehr noch: Das Gehirn scheint eher Mechanismen zu besitzen, die GABA aus dem Gehirn heraustransportieren als hinein.
Die Vorstellung, dass GABA aus Tee oder anderen Lebensmitteln direkt ins neuronale System „einströmt“ und dort sofort für Entspannung sorgt, ist nach aktuellem Forschungsstand also äußerst fragwürdig.
Bleibt die Frage: Warum berichten dennoch viele Menschen von einer entspannenden Wirkung?

Die Blut-Hirn-Schranke (Abbildung: Sabine Paul)
Wirkung eher über den Bauch als über den Kopf?
Eine mögliche Erklärung ist der Placebo-Effekt – zumal GABA-Produkte häufig hochpreisig sind. Wer viel bezahlt, erwartet auch viel Wirkung.
Interessanterweise zeigen Studien, dass der Verzehr GABA-reicher Lebensmittel den GABA-Spiegel im Blut erhöhen kann und durchaus beruhigende Effekte messbar sind. Allerdings vermutlich nicht über den direkten Weg ins Gehirn, sondern indirekt über die Darm-Hirn-Achse oder den Vagusnerv. Der Verdauungstrakt steht in engem Austausch mit dem Gehirn, und hier könnten indirekte Signale eine Rolle spielen.
Klar belegt ist dieser Mechanismus bislang jedoch nicht. Die Marketingversprechen stehen damit auf wissenschaftlich sehr wackeligen Füßen.

Die Darm-Hirn-Achse (Abbildung: Sabine Paul)
Zweiter Knackpunkt: Passt die Dosierung überhaupt – und was passiert beim Erhitzen?
In klinischen Studien zeigen sich leichte bis moderate Effekte auf Stress oder Schlaf bei Tagesmengen zwischen 50 und 300 mg GABA.
Schauen wir erneut auf das beworbene Produkt im Newsletter: Ein hochwertiger Bio-GABA-Tee wird mit über 150 mg GABA pro 100 g trockener Teeblätter beworben. Eine Packung enthält 80 g Tee und kostet rund 16 Euro.
Um die in Studien verwendeten Mengen zu erreichen, wären im Alltag enorme Mengen notwendig: mindestens 33-200 g trockene Teeblätter – also von mindestens einer halben bis zu zweieinhalb Packungen – pro Tag. Das entspräche mehreren Litern Tee und Kosten von 8 bis 40 Euro täglich. Realistisch ist das kaum.
Hinzu kommt: Die Studienlage ist insgesamt uneinheitlich, die Teilnehmerzahlen oft gering und die Effekte moderat.
Möglich ist daher, dass nicht GABA allein wirkt, sondern andere Inhaltsstoffe im Tee (oder anderen Nahrungsmitteln) oder deren Zusammenspiel.
Übrigens: GABA ist nicht extrem empfindlich, aber in echten Lebensmitteln nicht voll hitzestabil – es kommt also beim Aufgießen und Ziehenlassen von Teeblättern in heißem Wasser zu Verlusten. Das liegt zum einen am thermischen Abbau durch Hitze, zum anderen an Maillard-Reaktionen zwischen Zucker und Proteinen in deren Reaktionsprodukt GABA eingebaut wird und somit „verschwindet“.
Ein bekanntes Muster im Stressmarkt
Unter dem Strich zeigt sich ein vertrautes Bild: Gestressten Menschen werden Speziallebensmittel als einfache Lösung präsentiert, deren vollmundige Versprechen einer genaueren wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhalten.
Apropos vollmundig: Ein Wort für Genießer
Wer allerdings primär den Geschmack sucht, findet bei Oolong- oder Schwarztees hochwertige und dennoch preislich wesentlich attraktivere Alternativen.
Entspannung unabhängig von GABA: Was Tee wirklich leisten kann
Möglicherweise liegt die entspannende Wirkung von Tee gar nicht primär an GABA selbst, sondern an anderen Faktoren:
☁️ Theanin für den Flow: Diese besondere Aminosäure kommt nahezu ausschließlich in Teeblättern vor. Sie wirkt nachweislich im Gehirn und verschiebt das Gehirnwellenmuster in den wach-entspannten Alpha-Zustand – den Flow-Modus, den viele aus kreativen Phasen oder der Meditation kennen.
😎 Bitterstoffe, die entspannen: Die in Tee enthaltenen Bitterstoffe (Catechine, aber auch Koffein) wirken über die Bindung an Bitterstoffrezeptoren im Darm weiter über den Vagusnerv und vermitteln darüber Entspannungsimpulse im Gehirn.
♨️ Wohlige Wärme: Warme Getränke und Speisen wirken grundsätzlich entspannend.
👃🏻 Stress-senkender Duft: Die ätherischen Öle der Teeblätter erreichen rasch die Riechschleimhaut und senden Signale an das Emotionszentrum des Gehirns. Für Jasmintee (Grün- oder Schwarztee, der mit Jasminblüten aromatisiert ist) ist sogar eine Senkung des Stresshormons Cortisol belegt. Aber auch weitere Komponenten nicht-aromatisierter Tees könnten beruhigende Effekte entfalten – hier steckt die Forschung allerdings noch in den Kinderschuhen.
🍵 Zeit-für-mich-Ritual: Schon das bewusste Innehalten beim Aufgießen und Trinken – ganz nach dem Motto „Abwarten und Tee trinken“ – wirkt entschleunigend.

Foto: Pexels
Fazit
Seien Sie skeptisch bei Werbeversprechen zur GABA-Wirkung im Gehirn: Weder ist der behauptete Wirkmechanismus wahrscheinlich noch ist die notwendige Dosierung mit GABA-Tee möglich. Den hohen Preis für einen solchen „Funktionstee“ können Sie sich also getrost sparen.
Gönnen Sie sich gerne eine gute Tasse Tee zur Entspannung. Dafür gibt es viele plausible und belegte Gründe – GABA muss es nicht sein, viele Tees entfalten über andere Mechanismen eine Entspannungswirkung.
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