Alkohol kann das Gehirn massiv schädigen – aber auch positive Effekte erzielen. Diesmal geht es nicht um unser „Kopfgehirn“, sondern um den Effekt von Alkohol auf unser „zweites Gehirn“, das „Bauchhirn“. Darunter versteht man die Einheit des Nervensystems rund um den Magen-Darmtrakt, die Darmschleimhaut und die Darmflora (Mikroorganismen des Darms). Kopf- und Bauchhirn stehen übrigens durch den Vagusnerv direkt miteinander in Funkkontakt.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Welche alkoholischen Getränke die Vielfalt der Darmflora fördern können
  • Welche nicht-alkoholischen Alternativen in Frage kommen, um ähnliche Effekte zu erzielen

Wein- oder Biertrinker, Apfelwein- oder Spirituosen-Liebhaber:
Wer hat die bessere Darmflora?

Eine möglichst vielfältige Darmflora gilt als Marker für eine gute Darmgesundheit. Denn je mehr unterschiedliche nützliche Bakterien, Hefen und andere Mikroorganismen im Darm vorhanden sind, desto besser können sie auf Störfaktoren von außen reagieren und das System in Balance halten. Studien zeigen, dass bei vielen Erkrankungen die Vielfalt der Darmflora reduziert ist. Andererseits sorgt ein gesundes Darmmikrobiom für ein starkes Immunsystem (80% der Immunzellen sind im Darm lokalisiert) und eine gute Verdauung. Es hat Auswirkungen auf die Stimmung, das Essverhalten und geistige Leistungsfähigkeit.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Vielfalt der Mikroorganismen zu fördern – oder zu stören. Alkohol wird oft als schädlicher Einfluss eingestuft. Eine groß angelegte Studie, die im August 2019 publiziert wurde, hat nun mehrere alkoholische Getränke und ihren Einfluss auf die Darmflora systematisch untersucht (Le Roy et al. 2019).

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Ergebnis Nr.1: Vergleicht man den Einfluss von Bier, Apfelwein, Rotwein, Weißwein und Spirituosen, so ist das Mikrobiom von Rotweintrinkern deutlich diverser, also vielfältiger, als bei Menschen, die andere alkoholische Getränke zu sich nehmen.

Rotwein ist also unter diesem Aspekt die beste Wahl. Weißwein hat schon keinen wesentlichen Effekt mehr. Die anderen Getränke hatten in der Studie gar keinen positiven Effekt auf die Mikrobenvielfalt. Dieses Ergebnis wurde an fast 1.000 Zwillingen in Großbritannien ermittelt und in zwei weiteren Gruppen in den Niederlanden und USA bestätigt. Wichtig zu wissen: Dies ist eine Beobachtung, keine Kausalität (D.h. Rotweintrinker haben eine vielfältigere Darmflora, aber Rotweintrinken verbessert nicht automatisch die Darmflora).

Ergebnis Nr. 2: Der positive Effekt auf die Darmflora kann bereits ab einer Dosis von einem Glas Rotwein alle zwei Wochen gemessen werden. Der Effekt verstärkt sich mit zunehmender Aufnahme von Rotwein – es ist aber kein täglicher Genuss notwendig und es wird nicht mehr als ein kleines Glas pro Tag empfohlen.

Für die förderlichen Darmflora-Effekte werden die in Rotwein besonders reichlich enthaltenen Polyphenole verantwortlich gemacht, vor allem Anthocyane, Gallussäure und Resveratrol. Sie sind insbesondere in der Traubenhülle enthalten. Diese wird bei Rotwein längere Zeit in der Maische belassen, bei Roséwein nur eine kurze Zeit und bei Weißwein möglichst schnell entfernt. Dies erklärt den größeren Effekt von Rotwein im Vergleich mit den anderen Weinsorten, die weniger Polyphenole enthalten. In Weißwein sind etwa 6-7fach weniger Polyphenole enthalten als in Rotwein. In Getreide (für die Bierherstellung) und Äpfeln (für den Apfelwein) sind sie nur in sehr geringen Mengen enthalten.

Gibt es Alternativen ohne Alkohol?

Polyphenole sind natürlich nicht nur in Weintrauben enthalten. Auch in Nüssen, Samen, einigen Gemüsesorten und anderen Früchten sind sie zu finden. Die wichtigsten von ihnen machen aber nur einen Bruchteil in diesen Pflanzen aus im Vergleich zu ihrem Gehalt in Rotwein. Und: Die Hauptkomponenten der Weintrauben, die im Rotwein zu finden sind – kommen nur in bestimmten Pflanzen in höheren Mengen vor. Anthocyane in Brombeeren und Blaubeeren, Gallussäure in Himbeeren und grünem Tee, Resveratrol fast ausschließlich in Weintrauben.

Resveratrol scheint eine besondere Bedeutung zuzukommen, denn in der Studie wurde auch nachgewiesen, dass die Rotweintrinker ihr Gewicht besser im Griff haben und einen besseren Fettstoffwechsel aufweisen. Dies wurde in anderen Studien, ebenso wie eine verbesserte Darmflora und ein größerer Schutz gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, mehrfach mit Resveratrol und Rotwein in Verbindung gebracht. Resveratrol wird daher auch als „das Rotwein-Molekül“ bezeichnet.

Nun möchte oder sollte nicht jede/r ein alkoholisches Getränk zu sich nehmen. Naheliegend wäre sicherlich, als nichtalkoholische Alternative roten Traubensaft zu trinken. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht, denn er enthält relativ viel Zucker (im Wein wird er zu Alkohol vergoren) – mit entsprechend ungünstigen Auswirkungen auf Darm und Gehirn (vgl. Artikel „Zucker zerfrisst das Gedächtnis“). Bis zu einem Prozent Alkohol kann auch in Traubensaft enthalten sein, d.h. vollständig alkoholfrei ist er nicht. Zudem ist in Traubensaft nur ca. 10% des Resveratrols enthalten, welches in Rotwein zu finden ist. Also im Überblick: Traubensaft hat verhältnismäßig viel Zucker, ist nicht ganz alkoholfrei und hat nur einen Bruchteil der erwünschten Polyphenole. Dies ist keine gute Alternative.

Sind dann Nahrungsergänzungsmittel ein Ausweg – je eine Kapsel Quercetin, Resveratrol und Anthocyane? Aus meiner Sicht nicht. Denn es zeigt sich immer wieder, dass nicht isolierte Substanzen, sondern das Zusammenspiel vieler Komponenten, wie sie in „vollständigen“ Nahrungsmitteln vorliegen, die besten (und manchmal auch nur die einzigen) Effekte erzielen. Zudem sind die genauen Wirkfaktoren und benötigten Mengen der einzelnen Substanzen aus dem Rotwein noch gar nicht bekannt.

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Aber es gibt tatsächlich zwei, nicht ganz gewöhnliche, alkoholfreie Alternativen:

  • Eine Frucht, die noch reicher an Polyphenolen, inklusive Resveratrol ist, als Rotwein: die dunkelblau-schwärzliche „Schwarze Himbeere“ (Rubus occidentalis). Achtung: Nicht verwechseln mit weiteren Beeren, die auch als Schwarze Himbeere bezeichnet werden (Rubus leucodermis (Oregon-Himbeere), Rubus coreanus (Koreanische Brombeere)) und auch nicht mit der Brombeere! Die Schwarze Himbeere kann im eigenen Garten angepflanzt werden.
  • Idatori-Tee: Er wird aus dem Japanknöterich aufgegossen, welcher in Asien heimisch ist und in Europa inzwischen als „Unkraut“ Fuß gefasst hat. Achtung: Er wurzelt noch tiefer als Giersch und verbannt alle anderen Pflanzen aus seinem Umfeld. Daher sollte man ausnahmsweise nicht (oder nur mit größter Umsicht) zum Eigenanbau schreiten, sondern die getrocknete Wurzel für die Teezubereitung aus Apotheken beziehen (Suchbegriffe: Buschknöterichwurzelstock, Rhizoma Polygoni cuspidati, Hu Zhang).
    Der Japanknöterich ist noch etwas reicher an Resveratrol als Rotwein. Aufgrund der schlechten Wasserlöslichkeit von Resveratrol geht jedoch nicht alles in den Tee über. Idatori-Tee (Hu Zhang) wird übrigens in der Traditionellen Chinesischen Medizin schon lange als Heilkraut bei Darmbeschwerden verwendet (Zamora-Ros et al. 2008). Japanknöterich (Japanischer Staudenknöterich) schmeckt frisch ähnlich wie Rhabarber und wird auch so verwendet.

Ganz so einfach ist die alkoholfreie Alternative zum darmförderlichen Rotwein also nicht. So werden sicherlich Viele doch eher zu einem Rotwein greifen, statt sich Idatorie-Tee aufzubrühen oder auf die Ernte der Schwarzen Himbeere zu warten.

Wichtig bleibt natürlich: Alkohol, auch in Form von Rotwein, ist grundsätzlich nicht für Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende geeignet – und für die übrigen Genussmenschen empfiehlt sich: „in Maßen getrunken werden die besten Effekte erzielt.“ Was mir zudem am Herzen liegt: Auch die Qualität der Trauben, des Anbaus und der Verarbeitung spielt eine große Rolle. Es ist daher sicherlich gesundheitsförderlich, sich einen geeigneten „Winzer (und Beerenhändler) des Vertrauens“ zu suchen.

Lassen Sie sich das Rotwein-Molekül und die anderen Polyphenole richtig gut schmecken, damit ihr Darmhirn in Top-Form kommt.

Prosit – auf Ihre Gesundheit!

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